Island – Unterwegs auf dünnem Eis

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Don´t go too far, you may die! Gisli´s Warnung, dass ich sterben könnte, war ernst gemeint, das verriet sein sorgenfaltiges Gesicht und seine erweiterten Augen. Wir steckten mitten im Hochland Islands, wo kein Mensch leben kann, da hier die größten Lavafelder der Welt weder Viehzucht noch Ackerbau zulassen.

Die heftigen Minusgraden, die jede Bewegung verlangsamt, der starke Wind, der durch jede offene Ritze der Kleidung seinen beißenden Weg zur Haut findet und die absolute Orientierungslosigkeit, die der Schneesturm mit sich brachte, macht diese Gegend gerade im Winter zu einer lebensfeindlichen Region. Bleib am Wagen, höre ich Gisli rufen, als ich vom Trittbrett springe.

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Wir steckten inmitten einem Schneefeld, das Auto läuft Gefahr sich jeden Moment in dem pulvrigen Weiß festzufahren. Wir wälzten uns den Hang der Askja empor, einem mächtigen Vulkan, in dessen Zentrum ein gewaltiger blauer See schlummert. Karl erzählte mir, „in diesem Jahr ist er nicht eingefroren. Er scheint Nahrung aus dem glühenden Erdinneren zu bekommen. Die Geologen fragen sich, ob dies nicht Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch sind.“

Dass die Askja unerwartet explodiert, war aber unwahrscheinlich und nicht die Gefahr, vor der mich Gisli warnte, sondern der Weg, den wir gewählt hatten. Vom Süden her kannte Karl einen Zugang zur Kaldera, durch den gerade einmal zwei Autos nebeneinander Platz hatten. Rechts und links davon bricht der Kraterrand ab und es geht steil in die Tiefe. Die Sicht war so schlecht, dass wir Gefahr liefen, samt Auto über die Abrisskante zu stürzen!

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Obwohl wir den Einstieg diesmal besser fanden, war von der grandiosen Landschaft nicht viel zu erkennen. Das Wetter raubte uns jegliche Hoffnung auf einen Ausblick, der einem normalerweise den Atem raubt.

Nur 24 Stunden später: Ein deja vu. Don´t go too far, you may die! Gisli´s Warnung kannte ich schon, als ich die Autotür hinter mir ins Schloß fallen ließ. Wieder heftiger Schneesturm, wieder loser, neuer Schnee, der uns mit entlüfteten Reifen in einer Geschwindigkeit von 700 Metern pro Stunde den größten Gletscher Europas, den Vatnajökull, empor kämpfen ließ.

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Gisli erzählte mir, dass wir auf einem Feld unterwegs sind, das berüchtigt sei für die vielen Gletscherspalten. Im Winter schneien sie zu, doch im Sommer fangen sie an von unten her aufzutauen und bilden gefährliche Schneebrücken, die nur all zu gerne unter der eigenen Last einbrechen. Für mich gute Gründe, nicht all zu lange draußen zu bleiben, um die Fahrt in Bildern festzuhalten.

Für die letzten fünf Kilometer brauchten wir drei Stunden, bis wir – kurz vor Mitternacht und bei völliger Dunkelheit – die Schutzhütte der Vulkanologen erreichten.

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Wir waren so kurz vor dem Ziel – als wolle uns jemand noch einen Streich spielen, ließ sich zu guter Letzt das Schloss zur warmen Hütte nach Eingabe sämtlicher Variationen des uns gegebenen Zahlencodes nicht öffnen. Erschöpft, übermüdet und allmählich missgelaunt, sah ich die Chance, die Nacht in der warmen und schützenden Unterkunft zu verbringen, mehr und mehr schwinden.

„Don´t worry“, schmunzelte Gisli, der mich entnervt im Beifahrersitz versinken sah, „Karl will open it the icelandig way!“ und deutete mit seinem Kopf zur Motorhaube. Zwischen den Schneeflocken sah ich eine Gestalt Richtung Hütte huschen, in der Hand einen Schraubenzieher und einen schlagkräftigen Hammer…

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Christina
Christina ist die HRS Expertin für berufliches Reisen. Sie kennt stets die neusten Businesshotels und Restaurants, hat immer die besten Travel Hacks parat und weiß, wie man auf dem Businesstrip am effektivsten seine knappe Freizeit nutzt. Christinas Lieblingshotels sind das Hotel Zoo Berlin, das QVEST in Köln, das Boutique-Hotel Constanza in Barcelona und das Design-Hotel Ekies all senses in der griechischen Region Chalkidiki. Was ihrer Meinung nach bei keiner Reise fehlen darf? Am Abend ein schönes Steak im Hotelrestaurant und ein Moscow Mule an der Hotelbar.