Mit dem Zug durch Indien

2396

Um Indien näher kennenzulernen, bietet es sich an, mit dem Zug zu fahren. Die indische Bahn hat ein enorm gut ausgebautes Streckennetz und es gibt kaum einen (zumindest touristisch) interessanten Ort, den man nicht auf diesem Wege erreichen kann.

Auch ist das Zugfahren die komfortabelste Art des Reisens. Die indischen Straßen sind chaotisch und immer voll, man steht also lange im Stau und das ständige Stop-and-Go ist alles andere als gemütlich. Die Überlandbusse sind ebenfalls sehr unbequem, sind es doch reine Reisebusse, in denen 24 Stunden laute Musik durch die Lautsprecher schallt und die Toiletten sind auch nur selten funktionstüchtig. Fliegen ist selbstverständlich auch in Indien eine Option, doch ist das die teuerste Variante und lernt man dort ja auch nicht die Landschaft kennen.

Luxuseinzelkabine bis Sitzklasse auf Holzbänken

Im Zug hingegen kann man sich zunächst einmal aussuchen, in welcher Klasse man reisen mag. Insgesamt gibt es nämlich ganze acht Klassen, wo von der Luxuseinzelkabine mit eigenem Bad bis zur unreservierten Sitzklasse auf Holzbänken alles dabei ist. Für den etwas angenehmer Reisenden empfiehlt sich die 3-Betten-Klimaanlagenklasse, für den anspruchslosen Rucksackreisenden ist die unklimatisierte Schlafklasse vollkommen genügend. Man kauft sich vor Reisebeginn entweder im Internet (etwas kompliziert), direkt am Bahnhof oder in einem der vielen Reisebüros ein Ticket für die gewünschte Strecke. Dies tut man am besten frühzeitig, denn auch wenn es sehr viele indische Züge gibt, es gibt auch sehr viele indische Reisende. So kann es oft passieren, dass die Züge schon Tage im voraus ausgebucht sind – besonders natürlich bei den günstigeren Varianten. Per Ticket bekommt man dann auch schon einen Platz zugewiesen beziehungsweise kann sich diesen aussuchen. Die indischen Züge haben sogenannte Liegesitze beziehungsweise Bänke. Tagsüber ist die untere Bank und die oberste Bank ausgeklappt. Auf der unteren sitzt man dann entweder zu dritt oder wenn man die oberste Bank erwischt, kann man den Tag auch im Liegen verbringen über den Köpfen der Mitreisenden. Die mittlere Bank wird tagsüber hochgeklappt (als gepolsterte Rückenlehne) und kommt erst abends wieder hinunten, damit derjenige darauf schlafen kann.

Wundervolle Landschaft vor dem Fenster

Wie es sich schon herauslesen lässt, ist man oft mehrere Tage unterwegs. Die mir bisher längste Strecke war von Varanasi nach Chennai und bescherte mir 42 Stunden Zugfahren mit sehr viel unterschiedlicher, wundervoller Landschaft vor dem Fenster und vielen spannenden Bekanntschaften. Hierin ist definitiv der Vorteil des Zugfahrens zu sehen, man lernt nämlich den Inder „von nebenan“ kennen und nicht nur Geschäftsmänner, die dem Touristen etwas verkaufen wollen. Oft reisen ganze Familien quer durchs Land und haben dann allerlei dabei – auch regionale Spezialitäten, die sie gerne mit einem teilen. Aber Essen und Trinken kommt auch so nicht zu kurz. Während der Zugfahrt herrscht ein reger Verkehr von Verkäufern, die neben Tee und Kaffee, auch kalte Getränke, Kekse, indische Snacks oder auch so kurriose Dinge wie Holzspielzeug verkaufen wollen. Ich behaupte fast, man kann alles in einem indischen Zug auftreiben, wenn man es nur will.

Westliche und indische Toiletten

Hat man genug Entertainment durch Verkäufer und Mitreisende genossen, bietet sich auch immer ein Blick durch das Fenster an. Die indische Landschaft ist sehr vielseitig, man kann stundenlang hinausschauen, ohne gelangweilt zu werden. Hält man an einem Bahnhof, ist auch auf dem Bahnsteig der Trubel zu beobachten. Es wird hektisch ein- und ausgestiegen, Verkäufer drängen sich an die Fenster und versuchen einem diverse Dinge anzudrehen. Während der Fahrt kann man auch aufstehen und durch den Zug schlendern oder bei dem Weg zur Toilette sich mal aus der offenen Tür lehnen und den Fahrtwind geniessen (keine Angst, indische Züge fahren nicht allzu schnell!). Apropros Toiletten, davon gibt es pro Waggon vier Stück (zwei westliche, zwei indische) und diese sind erstaunlich sauber. Bei den langen Zugstrecken geht das natürlich je länger man unterwegs ist, hinab, aber ab und zu kommt auch Reinigungspersonal durch den Zug. Auch gibt es noch extra Waschbecken und Spiegel im Wagon, wo sich morgens ganze Reihen zähneputzender Inder einfinden. Dies sollte man unter Dinge, die man einmal im Leben getan haben muss, verbuchen.

Viel Sehenswertes in Indien

Die indische Bahn verbindet alle großen Städte miteinander und meist landet man von Deutschland aus in der Hauptstadt Neu Delhi oder in Mumbai. Von Mumbai kommt man mit dem Übernachtzug gemütlich in den Süden (z.b. nach Goa zum Strandurlaub) und von Neu Delhi aus kann man morgens bequem nach Agra starten, das Taj Mahal ansehen und über Nacht zurückfahren. Ebenfalls von Neu Delhi lohnt es sich, über Nacht nach Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, zu fahren und dort ein paar Tage zu verweilen. Die Stadt am Ganges ist besonders dafür bekannt, dass die toten Hindus hier direkt am Fluss verbrannt werden. Geschieht dies, soll es der Seele nämlich möglich sein, aus dem ewigen Teufelskreis der Wiedergeburt auszubrechen. Von Varanasi aus kann man ebenfalls mit dem Zug einen kurzen Abstecher nach Bodhgaya machen, wo Buddha die Erleuchtung fand oder gleich bis nach Kalkutta durchfahren. In dieser indischen Hochburg der Literatur sieht man noch sehr viel koloniale Prachtbauten und hat auch den bengalischen Einfluss direkt vor der Nase. Air India bietet von hier aus auch Flüge zurück nach Deutschland an, was für den ein oder anderen durchaus von Interesse sein könnte.

Indien per Zug entdecken

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Zugfahren nur zu empfehlen ist. Als alleinreisende Frau sollte man allerdings vorsichtig sein und lieber eine etwas teurere Klasse buchen, denn meist gehen die Züge über Nacht und da fühlt man sich dann vielleicht sicherer. Der Vorteil des Nachtsreisen ist allerdings ganz eindeutig: man verschwendet keine Zeit, kann schlafen, kommt erholt und ausgeruht am Zielort an und hat sich das Geld für ein Hotel gespart. Apropros Hotel, natürlich gibt es meist mehrere Bahnhöfe pro Stadt und um diese herum natürlich auch immer ganz viele Übernachtungsmöglichkeiten. So muss der Reisende sein Gepäck nicht unnötig durch die Gegend schleppen, sondern kann es gleich vor Ort unterbringen und muss es dann zur Weiterfahrt nicht weit tragen. Um mal einen Preis für eine Zugfahrt zu nennen: von Mumbai nach Goa kostet eine günstige Fahrt um die acht Euro (hier fährt man dann ca. 14 Stunden lang). Dafür bekommt man dann neben einer bequemen Liege, wunderbarer Landschaft und spannenden Gesprächen mit Mitreisenden ein ganz neues Gefühl, was es heisst, Indien zu „entdecken“. Jeder sollte hier seinen Abenteuermut zusammennehmen und sich diese Erfahrung nicht entgehen lassen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Christina
Christina ist die HRS Expertin für berufliches Reisen. Sie kennt stets die neusten Businesshotels und Restaurants, hat immer die besten Travel Hacks parat und weiß, wie man auf dem Businesstrip am effektivsten seine knappe Freizeit nutzt. Christinas Lieblingshotels sind das Hotel Zoo Berlin, das QVEST in Köln, das Boutique-Hotel Constanza in Barcelona und das Design-Hotel Ekies all senses in der griechischen Region Chalkidiki. Was ihrer Meinung nach bei keiner Reise fehlen darf? Am Abend ein schönes Steak im Hotelrestaurant und ein Moscow Mule an der Hotelbar.