Höher, schneller, weiter – viele Menschen streben im Berufsleben nach mehr. Die Beantwortung der Frage nach einer erfüllenden Karriere ist natürlich abhängig von der individuellen Situation. Dennoch gibt es allgemeine Handlungsempfehlungen für Menschen, die sich beruflich selbst verwirklichen wollen. Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis erklärt im Interview, warum es wichtig ist, Karriereziele zu formulieren, diese auf der anderen Seite aber auch regelmäßig zu hinterfragen.

Herr Dr. Slaghuis, was haben Sie sich für das neue Jahr vorgenommen?

Ehrlich gesagt halte ich nichts von guten Vorsätzen zu Neujahr. Die Zeit rund um Weihnachten und Silvester ist für die meisten Menschen und auch mich so trubelig, dass uns doch eigentlich gar kein Sinn danach steht, in Ruhe zu überlegen, was im nächsten Jahr wirklich wichtig ist, welche Ziele wir erreichen möchten und was hierfür erforderlich ist. Gute Vorsätze sollten keine Sektlaune sein.

Ich nehme mir im Januar bewusst einige Tage Zeit, um meine berufliche Entwicklung zu reflektieren und mir Gedanken über das zu machen, was ich in Zukunft in meinem Beruf verändern möchte sowie über das, was so bleiben darf, wie es ist. Doch auch während des Jahres mache ich mir immer wieder Gedanken über meinen Weg und treffe Entscheidungen. Etwa ob ich lieber Vorträge halte, mit ganzen Teams arbeite oder wer im Einzel-Coaching meine Zielkunden sind – und was das alles für meine Positionierung im Markt bedeutet.


„Wir alle sind der Chef unseres Lebens und können jederzeit entscheiden, ob wir etwas in unserem Leben und Beruf verändern.“


 

Wenn ich merke, dass mir Dinge Freude machen, dann überlege ich, wie ich sie ausbauen kann. Was mir Kraft raubt, versuche ich hingegen zu vermeiden. Nun denken Sie vielleicht „Der Slaghuis hat als Selbständiger gut reden“, doch dies ist aus meiner Erfahrung keine Frage, ob jemand angestellt oder selbständig ist. Wir alle sind der Chef unseres Lebens und können jederzeit entscheiden, ob wir etwas in unserem Leben und damit auch im Beruf verändern.

Als Karriere-Coach werden Sie es wahrscheinlich am besten wissen: Überdenken viele Menschen zum Jahreswechsel ihre berufliche Situation?

Ja, der Dezember und der Januar sind für mich als Karriere-Coach tatsächlich die intensivsten Monate des Jahres. Viele Menschen gehen mit guten Vorsätzen in ein neues Jahr, das betrifft bei fast allen auch immer den Job. Die einen wollen ihren Frust im Berufsalltag loswerden, andere streben nach dem nächsten Schritt auf der Karriereleiter, wieder andere wollen schlichtweg mehr Geld verdienen oder wünschen sich eine bessere Work-Life-Balance – jeder Mensch verfolgt wie so oft auch im Beruf ganz individuelle Ziele.

Das heißt auch, dass Sie diese Menschen anders beraten würden oder gibt es eine Musteranleitung für eine erfolgreiche Karriereplanung?

Stellen wir uns erst einmal eine andere Frage: Was bedeutet überhaupt Karriere? Wie gesagt, jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von einer zufriedenstellenden beruflichen Entwicklung. Für mich geht Karriere deshalb immer auch mit den persönlichen Werten und Zielen im Leben einher. Da ist es ganz logisch, dass ich meine Kunden individuell berate, eine grundsätzliche Herangehensweise lässt sich aber trotzdem ableiten. Egal, ob Arbeiter oder Vorstandsvorsitzender – jeder Mensch, der sich mit der Karriereplanung beschäftigt, stellt sich in dieser Situation ähnliche Fragen. Es geht in jedem Coaching immer um mehr eigene Klarheit. Erst dann lassen sich Ziele für die Zukunft ableiten und können Entscheidungen getroffen werden, welche Schritte in die gewünschte Richtung führen.

Warum ist es für viele eine Herausforderung, sich persönliche Ziele zu stecken?

Die meisten Menschen können zwar Ziele formulieren, doch oft beziehen sie sich auf das Privatleben oder sie sind so unkonkret, dass sie keine klaren Entscheidungen treffen können. Die Gespräche mit meinen Kunden zeigen mir, dass viele Angestellte glauben, in ihrem Berufsleben nicht die Zügel in der Hand zu halten. Selbstbestimmte Gestaltung der beruflichen Entwicklung ist im täglichen Hamsterrad aus Routinen für viele Arbeitnehmer zum Fremdwort geworden. Dabei darf Veränderung auch leicht sein.


„Selbstbestimmte Gestaltung der beruflichen Entwicklung ist im täglichen Hamsterrad aus Routinen für viele Arbeitnehmer zum Fremdwort geworden. Dabei darf Veränderung auch leicht sein.“


 

Mal ein Beispiel: Angenommen, jemand setzt sich folgendes Ziel: „Ich möchte wieder mehr Freude im Job haben.“ Dann könnten dies konkrete Schritte sein: „Ich werde Ende Januar einen Termin mit meinem Chef machen und über eine Neuverteilung der Aufgaben im Team sprechen.“ „Ich werde mit meiner Kollegin klären, was zwischen uns steht und eine Lösung finden, wie wir gut zusammenarbeiten.“ „Ich werde bis Mitte 2019 prüfen, ob sich etwas im Job verändert, ansonsten werde ich im zweiten Halbjahr nach einem neuen Arbeitgeber Ausschau halten.“ Dies alles sind konkrete Schritte, die auf das übergeordnete Ziel „Mehr Freude im Beruf“ einzahlen, am Ende steht damit ein konkreter Plan statt ein nebulöses Vorhaben.

Also ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, streng auf ein Fünf-Jahres-Ziel hinzuarbeiten, um die beruflichen Träume nicht aus den Augen zu verlieren?

Ziele sind meiner Meinung nach wichtig, doch wir sollten dabei flexibel bleiben. Das Leben verläuft nun einmal nicht statisch und geradlinig. Unsere Werte und Ziele verändern sich im Laufe des Lebens, wir alle durchlaufen unterschiedliche Lebens- und auch Karrierephasen. Einem Berufseinsteiger sind andere Dinge wichtig als einem Berufserfahrenen mit Mitte 40.

Ich bemerke, dass etwa die Gründung einer Familie die Werte von Menschen im Beruf verändert. Wer bisher auf Karriere und Erfolg getrimmt war, der erklärt mir im Coaching, dass Zeit für die Familie viel wichtiger ist als das Konto voller Geld oder die nächste Beförderung. Wer in dieser Situation streng seinen alten Fünf-Jahres-Zielen folgt, der wird schnell das Gefühl haben, dass es nicht mehr passt. Unzufriedenheit, Frust oder sogar Krankheit können die Folgen sein. Jeder sollte daher für sich selbst beantworten, was in einer Lebensphase im Beruf wichtig ist und seinen Weg auch entsprechend anpassen.

Bevor wir uns dann an die Formulierung von konkreten Zielen machen, sollten wir uns aber generell immer drei Fragen stellen:

  1. Was ist notwendig, um die Ziele zu erreichen?
  2. Wie realistisch ist es, die Ziele zu erreichen?
  3. Was habe ich wirklich – auch langfristig – davon, wenn ich die Ziele erreiche?

Sobald jemand diese Fragen für sich beantwortet und sich entsprechend Ziele gesteckt hat, steht der Verwirklichung der beruflichen Ziele also nichts mehr im Wege?

Wenn es so einfach wäre, dann wäre ich wohl arbeitslos. Spaß beiseite. Es gehört mehr dazu, als Ziele zu formulieren und diesen Zielen verbissen hinterherzujagen. Wer Scheuklappen aufsetzt, kann sich schnell verrennen. Es geht wie gesagt um Selbstreflexion und eigene Klarheit. Wir sollten regelmäßig unsere Situation und damit auch unsere persönlichen Ziele auf den „internen“ Prüfstand stellen. Es geht bei Karrierezielen eben nicht darum, dem einen großen Ziel hinterher zu laufen, sondern seine Entscheidungen und damit auch seine Ziele von Zeit zu Zeit flexibel zu korrigieren.


„Es geht bei Karrierezielen eben nicht darum, dem einen großen Ziel hinterher zu laufen, sondern seine Entscheidungen und damit auch seine Ziele von Zeit zu Zeit flexibel zu korrigieren.“


 

Die Planung der Karriere ist nur der erste Schritt. Nachdem die Ziele für die kommenden Jahre auf Basis der persönlichen Werte sowie Stärken identifiziert und formuliert wurden, geht es an die Umsetzung und damit die Koordination der Karriere. Veränderung bedeutet immer ein Verlassen der eigenen Komfort- und Gewohnheitszone. Es geht um das Erlebnis, dass außerhalb der Komfortzone weniger Gefahr lauert als vermutet, jeder Schritt hinaus den eigenen Horizont erweitert, unsere Flexibilität trainiert und uns weiterführt. Und auch auf diesem Weg halte ich es für sehr wichtig, immer mal wieder rechts und links zu schauen, ob es andere und neue Möglichkeiten gibt, die attraktiv sind, sie zu ergreifen – auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nicht zu den gesetzten Zielen passen. Es geht um Offenheit für Neues, um Neugierde und die echte Lust, sich im eigenen Tempo persönlich und fachlich weiter zu entwickeln.

HRS Infografik Karriere-Planung

Im dritten und letzten Schritt geht es darum, die eigene Karriereentwicklung zu kontrollieren. Die Selbstreflexion ist nicht nur hilfreich, sondern unabdingbar, um sich langfristig selbst zu verwirklichen. Ein regelmäßiger Kontrollprozess – am besten auf jährlicher oder sogar halbjährlicher Basis – stellt sicher, dass Sie sich bewusst fragen, ob das, was Sie momentan tun, auch wirklich noch dem entspricht, was Ihnen aktuell und zukünftig wichtig ist. Und falls dem nicht so ist, dürfen Sie Ihre Ziele anpassen und neue Wege einschlagen.

Der Januar ist aus meiner Sicht ein guter Zeitraum, um sich diese Fragen zu stellen, bisherige Entwicklungen und Ziele zu reflektieren und die eigene Karriere als Chef Ihres Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Sie werden überrascht sein, welche Möglichkeiten Sie entdecken.

Karriere-Coach Bernd SlaghuisZur Person: Dr. Bernd Slaghuis ist Experte für berufliche Neuorientierung, Bewerbung auf Augenhöhe sowie gesunde Führung. Als Ökonom und ehemalige Führungskraft kommt er aus der Praxis. In seinem Kölner Büro arbeitet der Karriere-Coach seit 2011 mit Angestellten aller Branchen an ihren nächsten Schritten im Beruf und einer gesunden Haltung als Führungskraft. Sein Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ erreicht monatlich über 100 Tsd. Leser, er wurde von XING als „Publisher des Jahres 2018“ in der Kategorie „Job und Karriere“ ausgezeichnet und schreibt für diverse Karriere- und Management-Magazine. Weitere Informationen auf seiner Homepage.

Haben Sie schon Ihre Karriereziele für das neue Jahr formuliert? Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich beruflich verändern wollen? Hinterlassen Sie einen Kommentar und erzählen Sie uns von Ihre Erfahrungen! Unter allen Personen, die bis zum 23. Januar 2019 von ihren Erlebnissen berichten, verlosen wir ein einstündiges Karriere-Coaching-Gespräch mit Dr. Bernd Slaghuis.

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22 Kommentare

  1. Ich habe immer ganz gute Ideen und auch sehr viele Talente, aber ich kann Projekte nicht so gut anpacken und zum Abschluss bringen. So ein coaching wäre eine Chance für mich. Danke!

  2. Die Erwägung eines Karriere-Coaching ist sicherlich sinnvoll, weil man selbst oftmals zu sehr in seinem „Tunnel“ reist. Ein externes, objektives Auge siegt ggf. Potentiale und Möglichkeiten, auf die man selbst niemals kommen würde.
    Die ist nicht nur für Führungskräfte sinnvoll und erwägenswert.

  3. Es gibt gut strukturierte Menschen; welche die gründlich planen und sich sehr viele Gedanken über unterschiedlichste Eventualitäten machen. Diese Menschen haben es schon allein durch diese Grundhaltung leichter sich Dinge vorzunehmen und dann auch umzusetzen – anders als ich.
    Konkrete schriftliche Pläne mit Zieldefinition und schrittweiser Umsetzung konnte ich in der Vergangenheit nie realisieren.
    Ich habe ein sehr konkretes Ziel, das ich in 3 Jahren erreichen möchte. Ich weiß was dafür erforderlich ist und habe mir die wichtigsten Schritte die notwendig sind, bewusst gemacht. Jedoch habe ich nicht das Gefühl, das aufschreiben zu müssen – dieses Ziel ist mir sehr wichtig – und irgendwie immer präsent. Ich ertappe mich dabei, das sich mein Interesse spezifischer ausrichtet, und ich mich manchmal auch unbewusst zu bestimmten Themen belese, informiere oder sogar ein Seminar besuche, das so nicht schriftlich in meinem Zielereichungsplan fixiert war.
    Es funktioniert also irgendwie…
    So habe ich allerdings auch meine berufliche Veränderung angegangen. Sobald ich wusste, was mich begeistert und wofür ich eine Leidenschaft entwickeln kann, habe ich alles daran gesetzt das auch im neuen Job machen zu können.
    Hier war es für mich wertvoll das Feedback zu meiner Idee bzw. meinem neuen Vorhaben von Familie, Kollegen, Vorgesetzten und natürlich meinem Freundeskreis zu bekommen. Wenn weitestgehend die Bestätigung meiner Selbsteinschätzung aus diesem Personenkreis an mich zurückgespiegelt wurde, konnte ich mit viel Bestätigung auf neue Herausforderungen zugehen.
    Alles in allem handle und plane ich intuitiv..vielleicht auch weil ich denke, wenn ich mir alles aufschreibe, wird mir bewusst wie oft ich von dem abweiche – oder andere Wege gehe..
    Ich bewundere die Menschen die konkret planen können, und diesen Plan konsequent umsetzten

  4. Ich habe seit mehrere Jahre effektiv mit Ziele (SMART-Goals) etc gearbeitet und nutze tatsächlich Dezember und Januar für reflektion. Aber es ist, genau wie Herrn Slaghuis sagt, viel einfacher für mich die privaten Ziele zu formulieren als die beruflichen – ich traue mich wohl nicht ganz. Und auch wenn ich wirklich versuche ist es wirklich schwierig ganz ehrlich zu sein bei der Selbstreflexion.
    Ich interessiere mich schon lange für Coaching aber finanziell ist es schwierig so was zu prioritieren und die Angst dass es nichts bringt wird so hoch wenn das Geld knapp ist.

  5. Mein Ziel ist es, einen Job und eine Firma zu finden, die zu mir passen. Ich habe 2018 viele Gespräche geführt und festgestellt, dass der ausgeschriebene Aufgabenbereich, der meiner beruflichen Expertise entspricht, und meine Vorstellung von einer Arbeit, für die ich gerne morgens aufstehe mittlerweile sehr weit auseinander liegen und möchte mich neu orientieren. Ich freue mich sehr darauf, ein Coaching zu gewinnen. 🙂